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Rede Anne-Katrin Vetter 8. Mai 2019

8. Mai 2019

â–ºTag der Befreiung in Müllheim

Anne-Vetter, Friedensrat Markgräflerland

 

 

 

Ich entnahm in den letzten Tagen der Presse folgenden Artikel:
„Nach dem Neonazi-Aufmarsch in Plauen am 1. Mai ist das Entsetzen groß –
und die Kritik an den sächsischen Behörden wächst. Das Innenministerium warnt unterdessen, mehr als jeder zweite Rechtsextremist schrecke vor Gewalt nicht zurück.
Mehr als jeder zweite Rechtsextremist in Deutschland ist laut Angaben der Bundesregierung gewaltorientiert: Insgesamt waren es 2017 12.700 von 24.000 Personen, so das Bundesinnenministerium in seiner Antwort auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion, wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet.
Das Ministerium warnt, die Übergänge zum Rechtsterrorismus könnten fließend sein. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sichte derzeit mehrere hundert relevante Internetpräsenzen, Profile und Kanäle der rechtsextremistischen Szene – unter anderem in Sozialen Netzwerken, Kurznachrichtendiensten oder auf Videoplattformen. Es bestehe eine „nicht zu unterschätzende Radikalisierungsgefahr für Einzelpersonen oder (Klein-/Kleinst-)Gruppierungen“. Dies gelte insbesondere dann, wenn monothematisch argumentiert beziehungsweise agitiert werde. „Eine fehlende Gegenrede kann in diesen Fällen zu einer raschen Radikalisierung bis hin zum Entschluss zur Anwendung politischer Gewalt führen“, schreibt das Ministerium.“
 


Analysen, blabla, anstatt zu handeln. Warum auch???
Die Rechten werden verniedlicht, es ist alles übertrieben, so ist die Tendenz in unserer Gesellschaft.

Was der 8. Mai 1945 als  offizielles Ende der rechten Nazi-Zeit bedeutet, die Befreiung vom Faschismus, ist für jene Verhältnisse klar.

Dass es leider kein Ende bedeutet, immer noch nicht, 74 Jahre später, wissen wir immer mehr.
Nur wer die Augen verschließt, heute wie damals, wird in der breiten Ja-Sager-Masse mitschwimmen und eine neue Zeit dieser rechten Verbrecher durch sein Nichts-Tun unterstützen.

Am Ende des Nazireiches führte die französische Besatzungsmacht sehr genau Buch über das Leben und Sterben auch der Zwangsarbeiter hier.
Daher haben wir die Informationen über die 57 Kinder, deren Namen auf diesen großen Grabsteinen hier stehen.
Es sind Kinder, die frisch geboren, nicht älter als 3 Jahre wurden, und an den Folgen der Behandlung ihrer Mütter durch die Nazis sterben mussten.

Deutschlandweit gab es unendlich viele Zwangsarbeiter. Auch diese Bezeichnung lässt einen nicht vorstellen, wie es um sie bestand.
Im Krieg gefangen, aus dem Heimatland gerissen, und dann hier auf Bauernhöfen, in Firmen oder auch der Rüstungsindustrie als billigste Arbeiter eingesetzt.
Viele wurden aus ihren Heimatländern verschleppt, den Familien entrissen, als übrig gebliebene Menschen, die ganz of Nazigräuel mit anschauen mussten, und das vermeintliche Glück hatten, überlebt zu haben...

Viele wurden aus ihren Elternhäusern entführt und sahen diese nie wieder...

Größtenteils mussten sie hungern, wurden sehr schlecht versorgt, hatten keine vernünftige Wohnmöglichkeit, hatten keine Familienleben, keine Privatspähre, sie wohnten nich, sie mussten wie Tiere hausen, sie wurden misshandelt, vergewaltigt, hatten sehr oft kaum etwas anzuziehen. Sie waren Sklaven der Deutschen.
Nettes Wort, dieses „Zwangsarbeiter“.

Viele mussten körperliche Schwerstarbeit verrichten, hatten selbstverständlich keine richtigen Pausen, bekamen kaum etwas zu essen, wurden medizinisch so gut wie nicht versorgt.
Sie waren Zwangsarbeiter, die kein Recht auf überhaupt nichts hatten.
Die deutschen Männer waren an der Front, also musste irgendwer die schweren Arbeiten verrichten....

Manchen wurde auch menschlich begegnet, das waren aber Ausnahmen.

Oft wurden diese Zwangsabeiter für irgendwelche Straftaten, die sie nicht begangen hatten, hingerichtet. Ermordet. Erschossen. Gelyncht. Gefoltert. Gequält. Unmenschlich war nicht nur ihr Leben, sondern sogar ihr Tod.

Während der Nazizeit, in der in ganz Deutschland diese sogenannten Zwangsarbeiter „leben“ mussten, wurde nicht richtig  Buch geführt, wo wer lebte, und schon gleich gar nicht, welche Kinderlein wo auf die Welt kamen und wann,  wie und warum sie starben.

Dies bedeutet, dass diese paar Kindernamen hier für uns stellvertretend sind für meiner Meinung nach Hunderttausende, die in den Jahren der Nazizeit geboren wurden und starben.

Sie starben an den erbärmlichen Bedingungen, die herrschten.
An Mangelernährung, ungenügender medizinischer Versorgung, Schwäche und anderen Krankheiten. Manche wurden auch einfach umgebracht.

Unglaublich, was sich die Nazis alles im Detail ausgedacht hatten. Wir können uns das nicht vorstellen. Selbst wenn wir an die Orte gehen und Bilder sehen oder Berichte hören oder lesen. Das kann doch nicht wahr sein!!!
Wir können uns die Mengen an mißhandelten Menschen gar nicht vorstellen und das, was diese furchtbar bösen Nazimenschen anderen antaten!!!

Wie sieht es in der Jetzt-Zeit aus?



74 Jahre später sagen wir „Nie wieder Krieg“.
Dabei gibt es überall auf dieser Welt Kriege, an denen Deutschland durch Waffenproduktion, Waffenverkäufe und Militärausbildung teilnimmt und sehr viel Geld macht.
Kriege, unter denen Menschen leiden, „nur“, weil die reichen Staaten ihren Wohstand behalten wollen.

In Europa sterben Kinder – aus Armut ihrer Elternhäuser oder durch Gewalt.

An Europas Grenzen sterben Kinder auf der Flucht mit ihren Eltern.
Im außereuropäischen Ausland ertrinken sie auf der Flucht, sie kommen um in den fürchterlichen Flüchtlingslagern, sie werden auf der Flucht vergewaltigt oder entführt, oder irgendwo als Sklaven gehalten.

Und hier in Deutschland boomt der Drift nach rechts.
Salopp ausgedrückt: Die Rechten haben gerade einen Lauf!

Leider gibt es zu viele, die dies sehen, und entweder gar nichts dagegen tun oder auch noch dabei jammern.


Leider sind wir viel zu wenige, die es im Ernstfall vermögen könnten, dieser Welle Einhalt zu gebieten.
Wir schaffen es ja schon jetzt nicht. Die Polizei schützt die Rechten vor den Gegendemonstranten. Ja wo sind wir denn????

Für jedes Kind, das auf grund von Kriegen, Gewalt, Unterdrückung und Rassismus sterben musste und stirbt, stehen wir hier.
Wir können das, was die Kinder erleiden mussten, leider nicht mehr ändern.
Aber wir müssen für die Gegenwart und die Zukunft alles tun, dass diesem Treiben Einhalt gebeten wird.

Wir müssen auch immer weiter versuchen, Leute, die ihre Hände aus welchen Gründen auch immer, im Schoß verschränken, aufzurütteln und zu sagen, es kommt auf jeden Einzelnen an!
Jedes einzelne Kind auf dieser Welt hat das Recht, in Frieden, Freiheit, Geborgenheit und Toleranz aufzuwachsen.

Wir sagen, dieses oder jenes Verhalten ist bestialisch.
Bestialisch kommt von Bestie, das Tier.
Tiere quälen nicht aus Freude, Tiere morden nicht aus Lust.
Dies tun nur vollkommen verrohte Menschen, um irgendwelche entsetzlichen Gelüste zu befriedigen.

Eigentlich sollte menschlich eine gute Bezeichnung sein.
Aber wie bezeichne ich das, was Menschen anrichten? Seit so langer Zeit immer wieder und immer wieder? „Unmenschlich“ ist eine Vokabel. Seelenlos!

Wir alle müssen aufhören, uns diese netten Vokabeln anzuhören.

Wir alle müssen aufhören, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, jemand anders macht das für uns.

Wir alle müssen aufhören zu glauben, irgendwas Schlechtes hört von alleine auf.

Wir alle müssen aufhören, zu diskutieren und zu diskutieren.

Jetzt ist genug geredet. Jetzt muss gehandelt werden.

Es muss jetzt das Zeitalter der lächelnden, vom Spielen verdreckten, glücklichen Kindergesichter anbrechen, deren klebrige Händchen in den sie beschützenden Händen ihrer Eltern stecken. WELTWEIT!

Um unser Handeln immer wieder aufs Neue zu bestärken,
ist unsere Symbolblume für das Gedenken an diese wehrlosesten Geschöpfe der damaligen unfreiwilligen polnischen Mitbürger hier das Vergißmeinnicht.
Klein und  wunderschön. Wie jedes Kind.

Ihr habt nichts mehr davon, Wanda, Andryzsak, Kataszyna, Marcin, Irena, Helena, Wanda, Wasyl, Kasimir, Remigius, Sofia, und wie Ihr alle hießt.

Wir werden Euch nicht vergessen.
Unser tagtägliches, unermüdliches Handeln und waches Auge gegen alle rechten Kräfte ist unser Beweis hierfür.
Und auch deswegen steht unser Gedenken heute unter dem polnischen Wort für Vergißmeinnicht:

Niezapominajka!
 

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