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Ostermarsch Rede Anne-Katrin Vetter

Ostermarsch 2016 – Redebeitrag Anne-Katrin Vetter (Friedensrat Markgräflerland) zu José Saramagos „Die Glocken der Gerechtigkeit“

 

 


400 Jahre liegen zwischen der Aktion eines Bauern aus der Nähe von Florenz, der die Glocken läuten ließ, um den Tod der Gerechtigkeit zu verkünden, und dem Erstarken der Bewegung für eine andere Art der Globalisierung.

José Saramago erzählt uns diese Geschichte, um uns daran zu erinnern:
Es ist an der Zeit!


Die Glocken der Gerechtigkeit

Die Dorfbewohner waren zu Hause oder arbeiteten auf den Feldern, jeder ging seinem Tagewerk nach. Plötzlich begann die Kirchenglocke zu läuten. In jenen frommen Zeiten (wir sprechen vom 16. Jahrhundert) läuteten die Glocken mehrmals am Tage; es gab also keinen Grund, sich zu wundern. Doch die Glocke schlug ein trauriges Totenläuten an.
Das war überraschend, denn niemand im Dorf hatte etwas von einem Todesfall gehört.
Die Frauen traten auf die Straße, die Kinder liefen zusammen, die Männer verließen ihre Felder und Werkstätten. Nicht lange, da waren alle auf dem Kirchplatz versammelt und warteten darauf, zu erfahren, wen sie betrauern sollten. Die Glocke läutete noch einige Minuten. Danach verstummte sie.

Wenig später öffnete sich die Kirchentür und auf der Schwelle erschien ein Bauer.
Weil er nicht derjenige war, der sonst immer die Glocken läutete, fragten ihn die Dorfbewohner natürlich, wo der Glöckner stecke und wer denn gestorben sei:
"Der Glöckner ist nicht da. Ich habe die Glocke geläutet", entgegnete der Bauer.

"Dann ist also niemand gestorben?", beharrten die Einwohner.
"Niemand, der einen Namen und das Aussehen eines Menschen besitzt", erwiderte der Bauer. "Ich habe die Totenglocke für die Gerechtigkeit geläutet, denn die Gerechtigkeit ist tot."

Was war geschehen?
Der habgierige Landesherr -irgendein skrupelloser Graf oder Marquis - arbeitete seit langem daran, die Grenzmarkierungen seiner Ländereien zu seinen Gunsten zu verschieben. Dabei dehnte er sie auch auf die Parzelle des Bauern aus, die bei jeder Verschiebung ein wenig kleiner wurde. Das Opfer hatte sich zunächst beschwert und gegen die Ungerechtigkeit protestiert. Später dann um Erbarmen gefleht und zu guter Letzt beschlossen, bei der Obrigkeit Klage zu erheben und den Schutz der Gerechtigkeit zu fordern.
All das blieb ohne Erfolg und die Enteignung dauerte fort.

In seiner Verzweiflung beschloss er endlich, urbi et orbi (das Dorf besitzt für den, der immer dort gelebt hat, die Ausmaße der Welt) den Tod der Gerechtigkeit zu verkünden.

Vielleicht hatte er erwartet, dass er mit seiner Geste unglaublicher Verärgerung sämtliche Glocken des Universums, unabhängig von Volkszugehörigkeit, Sitte und Religion, in mitfühlende Schwingungen versetzen würde, so dass sie ohne Ausnahme an seinem Totenläuten für die Gerechtigkeit teilnähmen und nicht eher verstummten, als bis diese wieder auferstanden wäre:
Ein Getöse, das sich von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt fortsetzen, das Grenzen überspringen und klingende Brücken über Flüsse und Meere schlagen würde,
müsste die Welt doch aus ihrem Schlummer reißen!


Ich weiß nicht, was danach geschah.
Ob der starke Arm des Volkes dem Bauern half, die Grenzsteine wieder an ihren Platz zu rü-cken, oder ob die Bewohner, nachdem sie die Nachricht vom Tod der Gerechtigkeit erreicht hatte, mit hängendem Kopf und der Seele auf Halbmast zu ihrem tristen Alltag zurückkehrten.
Bekanntlich verrät uns die Geschichte nicht immer alles.

Vermutlich war es das erste und einzige Mal, dass irgendwo auf der Welt eine Glocke, ein trä-ges Stück Bronze, das so oft für den Tod von Menschen geläutet hat, den Tod der Gerechtigkeit betrauerte.

Die Totenglocke des Dorfs bei Florenz hörte man nie wieder, doch die Gerechtigkeit starb und stirbt weiter alle Tage.
Selbst heute, in diesem Moment, geschieht es, dass jemand die Gerechtigkeit tötet, vor der Tür unseres Hauses oder fern von uns.
Jedes Mal wenn sie stirbt, ist es, als hätte sie für die, die auf sie vertrauten, nie existiert:
als sei sie nie da gewesen für die, die erwartet haben, was wir alle billigerweise von der Rechtsprechung erwarten dürfen: Gerechtigkeit, einfach Gerechtigkeit.

Die erleuchtete Tat des Bauern aus dem Florentinischen hielte man heutzutage für das unsinni-ge Werk eines Verrückten oder, schlimmer noch, sie wäre ein Fall für die Polizei. Es sind jetzt andere, völlig andere Glocken, die darauf dringen, dass in dieser Welt eine Gerechtigkeit Platz findet, die dem Menschen Gefährtin ist, die die Voraussetzung ist für das Glück des Geistes und sogar, so verwunderlich uns das vorkommen mag, Nahrung für den Körper.

Gäbe es diese Gerechtigkeit, würde kein einziger Mensch an Hunger oder an einer Krankheit sterben, die nur aus Geldgründen für die einen „heilbar“ ist, für die anderen nicht.
Gäbe es diese Gerechtigkeit, wäre für mehr als die Hälfte der Menschheit ihre Existenz nicht eine furchtbare Strafe.

Ich wünsche mir, dass dieses Läuten der Glocken für uns und die ganze Welt hörbar wird.
Dass der Widerhall immer lauter wird und sich weltweit verbreitet.
Dass sich aus diesem Läuten vielfältige Bewegungen des Widerstands und der sozialen Mobili-sierung entwickeln, die sich stark machen für eine neue Gerechtigkeit der Umverteilung und der Veränderung.
Dass diese neue Gerechtigkeit von allen Menschen weltweit als ihre wahre Gerech-tigkeit erfahbar wird.
Eine Gerechtigkeit, die Recht und Freiheit schützt, nicht aber das, was ihr nach dem Leben trachtet.

Keine Gerechtigkeit die sich in gerichtliche Roben verkleidet, und uns vorgaukelt, man hätte alles nach besten Kräften beurteilt.

Auch die nicht, die zugelassen hat, dass man ihr die Augen verbindet und die Gewichte an der Waage vertauscht.
Keine Gerechtigkeit, deren Schwert mehr an dem einen Ende als an dem anderen abschneidet. (Ab gesehen davon, wieso soll die Gerechtigkeit ein Schwert tragen????)
 


Ich wünsche mir eine bescheidene Gerechtigkeit, eine Begleiterin des Menschen im Alltag, eine Gerechtigkeit, die genauso unverzichtbar für das Glück des Geistes zu sein vermag, wie es die Nahrung für den Körper ist.
Eine Gerechtigkeit, deren Ausübung in allen gesetzlichen Belangen natürlich den Gerichten obliegt, doch vor allem eine Gerechtigkeit, die die ganze Gesellschaft nicht vergisst.

Die ideale und anzustrebende Erklärung unseres Wortes und der Tat für Gerechtigkeit muss ausdrücken, dass sie sich in Achtung vor dem Recht auf Leben aller Menschen zeigt.

Für diese Gerechtigkeit liegt bereits seit über 50 Jahren ein leicht verständliches Regelwerk zur praktischen Anwendung bereit: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.
Jene 30 lebenswichtigen Grundrechte, von denen nur noch vage die Rede ist, wenn sie nicht gleich systematisch totgeschwiegen werden. Sie werden in unseren Tagen häufiger missachtet und verletzt als vor 400 Jahren das Eigentum und die Freiheit des florentinischen Bauern.

Sarramago meint in seiner Rede weiter, und ich finde, einfacher kann man es nicht ausdrücken:
diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sollte die einzige Grundlage für die Programme sämtlicher politischer Parteien der Erde sein.

Unsere Politik kümmert sich um Profite und verausgabt sich in überholten Formeln, untauglich oder nicht willens, brutalen Realitäten der heutigen Welt etwas entgegenzusetzen, blind für die furchtbaren, nicht zu übersehenden Bedrohungen, die die Zukunft für jene geistige und körper-liche Würde bereithält, die unserer Ansicht nach das höchste Ziel menschlichen Strebens ist.

Zwar befinde sich der Großteil des Planeten zweifellos in einem katastrophalen Zustand, doch in einem allgemein demokratisch verfassten System stünden die Chancen, den Menschenrechten voll und ganz - oder wenigstens in ausreichendem Maße - Geltung zu verschaffen, immer noch am besten.

Nichts richtiger als das, vorausgesetzt, das Gesellschaftssystem, das wir gegenwärtig Demo-kratie nennen, wäre wirklich demokratisch. Was es nicht ist.

Es stimmt, dass wir zur Wahl gehen können,
dass wir als Wahlberechtigte unsere Souveränität - in der Regel über politische Parteien - delegieren und so über unsere Vertreter im Parlament entscheiden können.
Und es stimmt auch, dass aus unseren Wahlergebnissen immer eine Regierung hervorgeht.

Aber es stimmt auch, dass die Möglichkeit demokratischen Handelns damit zugleich beginnt und endet.

Der Wähler mag eine ihm unliebsame Regierung abwählen und durch eine andere ersetzen können, aber niemals - das war so, das ist so und das wird hoffentlich nicht immer so sein – aber NIEMALS hat seine Stimme irgendwelche sichtbaren Auswirkungen auf die einzige wirkliche Macht, die unsere ganze Welt beherrscht: die Macht der Wirtschaft.

Der Bereich der Wirtschaft, deren ständiges Wachstum multinationaler Konzerne durch Machtstrategien sichert.

Diese vertragen sich nicht im Entferntesten mit jenem Gemeinwohl, dem die Demokratie zu dienen hat.
Wir alle wissen, dass es so ist, und trotzdem reden wir weiter von Demokratie, als würde uns irgendetwas daran hindern, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.
Wir reden von der Demokratie wie von etwas, was existiert und funktioniert, obwohl uns von ihr nichts geblieben ist als ein Arsenal ritualisierter Prozeduren, harmlose Wortgefechte und Gesten wie in einer Art weltlichem Gottesdienst. Wer wagt etwa, zu zweifeln????

Und als hätten wir keine Augen im Kopf, bemerken wir nicht, dass unsere Regierungen, jene, die wir letzten Endes zum Besseren oder Schlechteren gewählt haben, für die also in erster Li-nie wir verantwortlich sind, Tag für Tag mehr zu den "Politkommissaren" der Wirtschaft wer-den, deren eigentliche Aufgabe darin besteht, der Wirtschaft genehme Gesetze auszuarbeiten.

Diese Gesetze werden in öffentlichen oder privaten Werbekampagnen mundgerecht aufbereitet, auf dem sozialen Markt eingeführt, ohne dass sie allzu viel Protest ernten, außer bei gewis-sen ewig unzufriedenen Randgruppen.

Was tun? Von der Literatur bis zur Ökologie, von der Ausdehnung des Universums über den Treibhauseffekt und die Abfallbeseitigung bis hin zum Verkehrskollaps wird auf dieser Welt alles diskutiert. Nur das demokratische System steht nicht zur Debatte - als handle es sich dabei um etwas endgültig Feststehendes, etwas naturgemäß und bis ans Ende der Zeiten Un-antastbares.

Aber wenn ich noch eins und eins zusammenzählen kann, dann ist es allerhöchste Zeit, dass neben etlichen anderen notwendigen Diskussionen eine weltweite Debatte über die Demokratie und die Gründe für ihren Niedergang in Gang kommt;
eine Debatte über die Beteiligung der Bürger am politischen und sozialen Leben;
über das Verhältnis zwischen den Staaten einerseits + Wirtschaft und Finanzwelt andererseits;
über das, was die Demokratie stärkt, und das, was sie tödlich bedroht;
über das Recht auf ein Leben in Glück und Würde;
über Elend + Hoffnung der Menschheit oder der Menschen, die die Menschheit ausmachen
- einzeln oder in ihrer Gesamtheit.

Den schlimmsten Fehler begeht, wer sich selbst betrügt. Und doch leben wir so.

Danke für Eure Geduld, mir zuzuhören.
Ich bitte Euch zum Schluß um einen Augenblick der Stille.

Der Bauer von Florenz ist gerade wieder auf den Glockenturm gestiegen.
Gleich wird die Glocke läuten. Schenken wir ihr Gehör.


 

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