skip to content

Rede Uli Rodewald 27. Januar 2019

 

Rede von Uli Rodewald,                            Friedensrat Markgräflerland, anläßlich des Holocaust Gedenktages am 27. Januar 2019 vor dem Jüdischen Friedhof in Müllheim

 

 

27. Januar - Holocaust Gedenktag 2019

Zeit des Denkens und des Handelns

Es ist uns leider nicht möglich, unsere Veranstaltung wie geplant AUF dem Jüdischen Friedhof in Müllheim abzuhalten, sondern auf dem Gelände VOR diesem Friedhof.

Wir hatten diesen Ort ausgewählt, weil die Grabsteine auf diesem Friedhof zeigen, dass Menschen jüdischen Glaubens "bis zu dem Tag, als sie der Bannstrahl des mörderischen Nazi Regimes traf, geachtete Mitglieder der Gesellschaft gewesen waren." so Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ehemals Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland Beauftrage für Holocaust-Gedenken des World Jewish Congress in ihrer Rede auf dem Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus im Bayerischen Landtag, 23. Januar 2019

Wir waren bei der Wahl dieses Ortes nicht davon ausgegangen, daß uns von Amts wegen "politische Reden mit aktuellem Bezug" auf dem Friedhof untersagt würden.

Uns ist nicht ersichtlich, wie eine Gedenkrede, die auf die heutige politische Situation Bezug nimmt, und nur dem Motto des Demonstrationstitels verpflichtet ist und sich gegen ein Wiedererstarken des Antisemitismus in unserer Gesellschaft richtet,  durch Auflage verboten werden kann.  Wären wir Anhänger rechter Ideologien, die die strafbare Leugnung des Holokaust auf die Fahnen geschrieben haben oder verdeckt betreiben ("ein Vogelschiß" -Gauland; Höckes nationales Unglück zur Berliner Gedenkstätte), dann würde ein solches Verbot Sinn machen und zudem im Sinne all der ermordeten Juden und unserer Erinnerung an diese sein.

Ein Gedenken an die Opfer des Nazi Regimes OHNE aktuellen Bezug ist für uns aber undenkbar.

Denn mit Ester Bejarano, eine der letzten Auschwitz Überlebenden und die dort im Mädchen Orchester spielen mußte , sagen wir angesichts der erstarkenden Rechtsentwicklung:" Erinnern heißt handeln. Für mich, für uns bedeutet das, heute aktiv zu sein, uns mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen, bevor es wieder zu spät ist für eine Gegenwehr gegen rechts."

Und auch dies hätten wir gemäß der erteilten Auflage AUF dem Friedhof nicht sagen dürfen.

Und wir hätten nicht aus der Rede Charlotte Knoblochs anläßlich des Gedenkakts für die Opfer des Nationalsozialismus im Bayerischen Landtag, 23. Januar 2019  zitieren dürfen:

"Wie groß diese Aufgabe ist, sehen wir beim Blick in den Bundestag und in unsere Landesparlamente. Dort – und hier – ist heute überall eine Partei vertreten, die diese Werte verächtlich macht, die die Verbrechen der NS-Zeit verharmlost und enge Verbindungen ins rechtsextreme Milieu unterhält. Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht – nicht nur für mich – nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung."

Dies ist aber zu sagen.

Deutlich und klar. Gerade an einem Tag wie diesen, an dem wir der Opfer des Nazi Regimes gedenken.

So kommt diesem Tag hier und heute eine ganz aktuelle Bedeutzung zu: Wie umgehen mit dem Gedenken an die Opfer des Nazi Regimes? Ihrer still gedenken, ohne Bezug auf die Gefährdungen unseres gesellschaftlichen Zuusamenlebens durch nationalistische und rassistische Formationen, heißt für uns, die Opfer des Nazi Regimes ein weiteres Mal zum Schweigen zu bringen.

Wir aber sagen mit  Paul Niedermann:

 

„Solange ich noch lebe, kann ich gegen Ungerechtigkeit und Vergessen schreien. Aber wenn ich nicht mehr da bin und meine Generation, dann liegt es an euch aufzuschreien.“

 

Wir nehmen dieses Vermächtnis von Paul Niedermann auf und ernst.

Paul Niedermann wurde 1927 in Karlsruhe geboren, am 22. Oktober 1940 wurde er als knapp Dreizehnjähriger mit seinen Familienangehörigen – Eltern, Großvater und dem vier Jahre jüngeren Bruder Arnold – im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion von Karlsruhe aus in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert, nach acht Monaten wurde er in das Lager Rivesaltes am Mittelmeer verlegt

1942 gelang ihm gemeinsam mit seinem Bruder Arnold die Flucht, die durch die jüdische Untergrundorganisation Œuvre de secours aux enfants (OSE) organisiert worden war. Zusammen mit anderen jüdischen Kindern, zu denen auch der 1928 geborene David Hirsch aus Dirmstein gehörte, wurden die Brüder Niedermann in der Folgezeit an verschiedenen Orten in Frankreich versteckt, unter anderem im illegalen Kinderheim von Izieu (Kinder von Izieu). Arnold Niedermann konnte von der OSE über Portugal nach Baltimore (USA) zur Schwester der Mutter geschleust werden.

Paul Niedermann wurde, wie auch seine Schulfreundin Hanna Meyer-Moses (* 1927), Ende 1943 mit weiteren jüdischen Kindern über die Schweizer Grenze in Sicherheit gebracht.

Wir wollen nicht still Gedenken, sondern laut schreien gegen Ungerechtigkeit und Vergessen.

Opfer der Nazis waren vor allem, aber nicht nur jüdische Menschen.

Verfolgt wurden Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Jeder und jede, die sich der faschistischen ideologie entgegenstellte oder ihr nicht genehm war. Verfolgt wurden Sinti und Roma. Verfolgt wurden homosexuelle Menschen. Verfolgt und ermordet wurden Menschen, deren Leben von den Nazis als "unwert" betrachet wurden.

All ihnen wollen wir heute gedenken. Laut und deutlich.

Sie wurden Opfer der Nazis, weil es in der Weimarer Republiok zu wenige gab, die sich den Nazis entgegegnstellten: ": "Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf ...". (Erich Kästner

Wir wollen nicht, daß aus dem Schneeball rechter und faschistoider Bewegungen  hier bei uns oder anderswo eine Lawine wird, die Menschen vernichtet.

Wer von den Opfern spricht, darf von den Tätern nicht schweigen. Den Nazis wurde zur Macht verholfen, weil die Oberen in Deutschland meinten, nur so ihre Macht erhalten zu können.

Und wir wollen auch sprechen von den Menschen, die sich mutig den Nazis entgegenstellten und dafür ermordet wurden oder in Konzentrationslager oder Zuchthäser eingesperrt wurden.

Wir erinnern an die Otto Weis und Gustav Oberst aus Müllheim, die inhaftiert wurden, weil sie sich gegen die unmenschliche Behandlung polnischer Kriegsgefangener einsetzten. Otto Weis verstarb unmittlbar nach seiner Haftentlassung an den Folgen seiner Haft.

Wir erinnern an Emma Kübler aus Badenweiler, die den Hitlergruß verweigerte und dafür in ein Konzentrationslager verschleppt wurde und ebenfalls an den Folgen der Haft verstarb.

Wir erinnern an die auf der Liste  der "Badischen Landesstelle für die Betreuung der Opfer des Nationalsozialismus " für den Kreis  Müllheim aufgeführten Antifaschisten und bekräftigen den antifaschistischen Konsens unseres Landes: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Denn: Die Aufforderung von Max Mannheimer, jüdischer Überlebender des Holocaust, macht die aktuelle Bedeutung dieses Gedenkens deutlich:

"Wir  sind nicht verantwortlich für das, was geschah.  Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2010 Friedensrat Markgräflerland | Website Templates by Tradebit | Powered by Website Baker