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Flüchtlinge im Gewerbepark fühlen sich im Stich gelassen

Veröffentlicht von Administrator (admin) am Jan 19 2016
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Badische Zeitung

Dienstag, 19. Januar 2016

Asylverfahren

 

  1. Ende August 2015 kamen die ersten Flüchtlinge in den Gewerbepark. Die damals in die Wohncontainer einzogen, haben bis heute keinerlei Ahnung, wie es mit ihnen in Deutschland weitergehen soll. Foto: Julia Jacob

 

 

In einem Teil der Flüchtlingsunterkunft im Gewerbepark Breisgau rumort es. Bewohner haben sich in einem dramatischen Hilferuf an Vertreter des Eschbacher Flüchtlingshelferkreises gewandt. Das Hauptproblem: Mehr als 100 Bewohner bekommen seit mehreren Monaten, teilweise seit über einem halben Jahr keinerlei Informationen über den Stand ihres Asylverfahrens – und sind damit völlig perspektivlos. Am Montagabend gab es eine Aussprache mit Vertretern des Landratsamtes, des Helferkreises und der Betreiberfirma ORS.

Helferkreis kann Sitzstreik in Kirche abwenden


Sind die Akten hinter den Schrank gerutscht? Wurden irgendwo die maßgeblichen Excel-Tabellen gelöscht? Das Schicksal der Bewohner des sogenannten Camp 0 in der Gemeinschaftsunterkunft im Gewerbepark Breisgau kann man schon fast als mysteriös bezeichnen. Jedenfalls hat in dieser Gruppe – an die 150 Menschen – offenbar niemand Informationen darüber, wie der Stand seines Asylverfahrens ist. Dementsprechend fehlen wichtige Papiere, die zum Beispiel notwendig sind, um sich auf die Suche nach einer anderen Wohnung oder Arbeit zu machen. Ein Großteil der Betroffenen sind Syrer, darunter sind aber auch Menschen aus dem Irak, aus Afghanistan und afrikanischen Ländern.

Am Sonntagabend kam es zu einer dramatischen Situation: Etwa 40 Flüchtlinge fanden sich in der katholischen Kirche in Eschbach ein und erklärten, das Gotteshaus nicht eher verlassen zu wollen, ehe man ihnen nicht zugehört und konkrete Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Situation versprochen habe. Vertretern des Eschbacher Helferkreises gelang es, die Männer zur Rückkehr in ihre Unterkunft zu bewegen – freilich unter der Bedingung, dass es am Folgetag zu einer öffentlichen Aussprache unter anderem mit Vertretern des Landratsamtes käme.

Wohnbedingungen im Camp C sind schlechter als anderswo


Das Camp 0 ist der Teil der Gemeinschaftsunterkunft im Gewerbepark, der als erster Ende August 2015 von Flüchtlingen bezogen wurde. Wie von Bewohnern, aber auch sehr deutlich von Vertretern des Eschbacher Flüchtlingshelferkreises moniert wird, sind die Wohnbedingungen dort deutlich schlechter als in anderen Bereichen der Containersiedlung – was in Zusammenhang mit der völligen Ungewissheit bezüglich der Zukunft der Bewohner zu einer immer prekärer werdenden Situation führt.

Die Heizungen funktionieren teilweise nicht richtig, Heißwasser ist nach Auskunft der Bewohner Mangelware, die Gemeinschaftsküche für rund 150 Menschen ist nur zweimal am Tag für zwei Stunden geöffnet. Besonders bemängelt wird der Zustand der sanitären Anlagen: In den Duschräumen sei der Boden teilweise gefroren, Vorhänge oder andere Abtrennungen zwischen den Duschkabinen fehlten, berichtet Rainer Hiss, Sprecher des Eschbacher Helferkreises.

"Habt ihr uns hier vergessen?", formulierte ein junger Mann am Montagabend die Stimmungslage unter den Bewohnern, die Hiss als bereits ziemlich verzweifelt beschreibt. So sei schon von Hungerstreik die Rede gewesen, Androhungen von Selbsttötung und Selbstverstümmelung habe es ebenfalls gegeben. Die angespannte Lage war an den Gesichtern der rund 70 meist jungen Männer, die am Montagabend in der Versammlungshalle der Eschbacher Gemeinschaftsunterkunft erschienen waren, deutlich abzulesen.

Unverrichteter Dinge zurück geschickt


Eher hilflos wirkten angesichts dieser Situation die zwei anwesenden Vertreter des Landratsamtes – denn für die Asylverfahren ist nicht die Behörde in Freiburg, sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit seiner Außenstelle in Karlsruhe zuständig. "Warum seid ihr überhaupt gekommen, wenn ihr uns sowieso nicht helfen könnt?", lautete die Frage mehr als einmal. Die Antwort: "Damit wir uns eure Probleme wenigstens mal anhören und an die entsprechenden Stellen weiterleiten können."

Rainer Hiss berichtet indes von grotesken Vorgängen bei den Asylverfahren der Betroffenen: Im November sei eine Gruppe von etwa 80 Bewohnern von Camp 0 nach Karlsruhe gekarrt worden – zum Interview, das am Beginn der Asylverfahren steht. Ein Großteil wurde aber unverrichteter Dinge wieder zurück nach Eschbach geschickt. Doch selbst diejenigen, die einen Interviewtermin bekamen, haben danach nichts mehr von der Behörde gehört. Manche warten bereits seit mehr als einem halben Jahr auf einen Bescheid.

Dass sich Verfahren immer wieder verzögern, ist bekannt. Merkwürdig in diesem Fall ist vor allem, dass es hier so aussieht, als wäre eine ganze Gruppe von Menschen komplett vom Radar der Ämter verschwunden. "Im Camp 2 gab es Flüchtlinge, die hatten nach vier Wochen ihre Papiere", berichtet Hiss. Das bekommen natürlich auch die Camp 0-Bewohner mit, was den Frust weiter steigen lässt.

"Die Leute werden ungeduldig. Sie wollen einen Ansprechpartner, der ihnen konkret weiterhilft." Rainer Hiss

Josef Follmann, der zwischen Helferkreisen und Landratsamt vermittelnd tätig ist, machte am Montagabend den Vorschlag, die Anträge der Camp 0-Bewohner noch einmal aufzunehmen und in gesammelter Form nach Karlsruhe zu schicken, um dort den Druck zu erhöhen, doch endlich mit der Bearbeitung weiterzukommen. Doch dazu kam es zunächst nicht mehr: Nach einer guten Stunde Diskussion, die trotz der emotional angespannten Lage friedlich, ja geradezu diszipliniert verlaufen war, löste sich die Versammlung schlagartig und ohne Ergebnisse auf. Hiss, der zusammen mit einem Bewohner, der auch ins Arabische übersetzte, die Zusammenkunft moderiert hatte, zeigte sich hinterher besorgt: "Das ist kein guter Ausgang. Die Leute werden ungeduldig. Sie wollen einen Ansprechpartner, der ihnen konkret weiterhilft. Aber den haben sie bislang nicht bekommen." Einen nächsten Anlauf in Sachen Camp 0 soll es am 29. Januar geben – an einem runden Tisch mit Vertretern des Landratsamtes, der Flüchtlinge und des Helferkreises.

Zuletzt geändert am: Jan 19 2016 um 8:26 PM

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