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Sant’Anna di Stazzema

Ora e sempre resistenza

Heute und immer: Widerstand

 

Ab und zu sind wir auf Tour. Wir spüren Vergangenem nach und spüren Neues auf.
Manches (Gedachte) wird durch das Erlebte verständlicher.
Neue Ideen werden geboren.
Und erholen tun wir uns dabei auch.
Nach dem Ostermarsch 2016 war uns das besonders nötig.

Zunächst war es nur unsere Absicht, hinter den Alpen dem Frühling entgegenzufahren. Nach Italien.

Und so fuhren wir in die Versilia, eine Küstenlandschaft in der nordwestlichen Toskana in den Provinzen Lucca und Massa-Carrara zwischen dem Ligurischen Meer und den Apuanischen Alpen. Sie besteht aus den Gemeinden Pietrasanta, Seravezza Stazzema und Forte dei Marmi. 

Stazzema - der Name erinnerte uns:

Der Ortsteil Sant’Anna di Stazzema wurde am 12. August 1944 durch Truppen der Waffen-SS zerstört, seine Bewohner, etwa 560 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, umgebracht.

 

 

Der Bürgermeisterei hatten wir diesen Brief geschrieben:

 

Von unsrerer Unterkunft in Pietrasanta machten wir uns auf den Weg nach Sant’Anna di Stazzema.
Der gesamte Bereich des Gedenkortes wurde im Jahr 2000 zum „Parco Nazionale della Pace“ erklärt. Er umfasst die Kirche von Sant’Anna und deren Vorplatz, auf dem am 12. August 1944 mehrere Hundert Menschen niedergeschossen worden sind und das den Opfern gewidmete
►Museum

 

 

 
   

► Dies ist die Geschichte von Sant’Anna di Stazzema

Am Morgen des 12. August 1944 rückten von Pietrasanta her SS-Einheiten der 16. SS-Panzergrenadier-Division
„Reichsführer-SS“ unter dem Kommando von Anton Galler und Walter Reder auf die Siedlungen von Sant’Anna vor,
Einheiten der Wehrmacht – vermutlich das Bataillon der Gebirgsjäger Mittenwald – sperrten das Gebiet ab. In den Tagen vorher war es zu Schusswechseln mit Partisanen oberhalb des Dorfes gekommen, weshalb der Kampfeinsatz
angeordnet wurde. Die Angreifer verteilten sich auf die Ortschaften des Dorfes. Dort trieben sie die Bewohner der Häuser auf Sammelplätze, in Stallungen und Hinterhöfe und ermordeten sie mit Handgranaten und Feuerwaffen. In
Sant’Anna selbst wurden die Dorfbewohner vor der Dorfkirche mit Maschinengewehrfeuer niedergemäht. Die meisten Häuser der  Siedlungen wurden niedergebrannt. Das Massaker war am Nachmittag noch nicht beendet: Überlebende, die als Lastträger herhalten mussten, wurden talabwärts nach Valdicastello getrieben und dort erschossen, im Ort selbst wurden nach einer Razzia über dreihundert Zivilisten umgebracht. Ein Teil der Gruppe mit über zweihundert Gefangenen kam in ein Arbeitseinsatzlager nach Lucca, der zweite in ein Lager der Division bei Nozzano, wo sie misshandelt und getötet wurden, weitere 53 wurden als Geiseln verschleppt und später bei einer Mordaktion in Bardine San Terenzo am 19. August 1944 umgebracht.

 

 Opfer des Nazi Massakers

 

Am Eingang des Museums dieses Gedicht:


Du kannst Dein Denkmal haben, Kamerad Kesselring,
das Du von uns Italienern erwartest.
Aus welchem Stein es bestehen wird,
entscheiden aber wir:
Nicht aus den rauchgeschwärzten Mauersteinen
unserer wehrlosen, von Deinem Vernichtungswillen
verwüsteten Dörfer,
auch nicht aus der Erde unserer Friedhöfe,
auf denen unsere jungen Kampfgefährten in Frieden ruhen.
Nicht aus dem reinen Schnee unserer Berge,
die Dir zwei Winter lang widerstanden haben,
nicht aus dem Frühling der Täler,
aus denen du dich davon gemacht hast.
Das Denkmal wird bestehen
Aus dem Schweigen der Gefolterten,
das härter als Granit war,
aus dem freiwillig geschlossenen,
felsenfesten Pakt freier Menschen,
die sich nicht aus Hass, sondern
zur Wahrung ihrer Würde und
zu ihrer Befreiung verbunden haben,
um Schande und Schrecken vom
Antlitz der Welt zu tilgen.
Solltest Du auf diesen Straßen zurückkehren wollen,
wirst Du uns alle in unseren Dörfern auf dem Posten finden:
Tote und Lebende mit der gleichen Verpflichtung
Vereint um das Denkmal, dessen Namen lautet:
Ora e sempre resistenza – Heute und immer: Widerstand

 

► hier Informationen zum faschistischen Wehrmachtsgeneral Kesselring

Im Museum übergaben wir dem Leiter unseren Brief

 

und eine Weinrebe aus dem Markgräflerland. Sie soll an diesem Ort wachsen und unsere Verbundenheit lebendig sein lassen

Dann machten wir uns auf den Weg hinauf zum Hauptdenkmal, dem Monumento Ossario, einem Turm, in dessen offenem Gewölbe ein Marmorsarkophag mit der Gestalt einer ermordeten Mutter mitihrem Kind dargestellt ist. Neben dem Ossario stehen auf einer Tafel Namen und Alter der Opfer.  
Was uns besonders besonders betroffen macht: Der Umgang mit den Tätern in Deutschland nach 1945.
1951 wurde der frühere SS-Sturmbannführer Walter Reder zwar wegen des Massakers in Marzabotto und anderer
Kriegsverbrechen verurteilt, aus Mangel an Beweisen jedoch nicht wegen der Mordtaten in Sant’Anna. Wichtige
Beweisstücke mit Namen von beteiligten SS-Angehörigen waren später im „Schrank der Schande“ bis zu ihrer
Wiederentdeckung Mitte der 1990-er Jahre verschwunden. Die Staatsanwaltschaft beim Militärgericht La Spezia
nahm 1994 Ermittlungen auf, lokale Medienberichte blieben ohne Resonanz. Erst ein ausführlicher Bericht von
Christiane Kohl im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ im Oktober 1999 fand in Italien und Deutschland starke
Beachtung. Das Militärgericht La Spezia hat nach jahrelangen Ermittlungen, zu denen der Historiker Carlo Gentile mit wesentlichen Archivrecherchen beigetragen hat, 2005 zehn angeklagte SS-Angehörige in Abwesenheit wegen Mordes an 560 Zivilpersonen zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Urteil wurde vom Revisionsgericht in Rom im
November 2006 bestätigt. Es blieb in Deutschland bis heute ohne Folgen.
Der italienische Staatanwalt Marco De Paolis, Ermittler und Ankläger im Strafprozess wegen der Verbrechen in Sant'
Anna di Stazzema vor dem Militärgericht in La Spezia (2010), kommentierte die Einstellung des
Ermittlungsverfahrens in Stuttgart (2012) mit Unverständnis: "Die deutschen Kollegen glauben nicht, dass es Mordmerkmale gibt, und vor allem gehen sie nicht davon aus, dass die Leute, die die Taten begangen haben, schon im Vorhinein die Intention hatten, das zu tun, was sie getan haben; also vorsätzlich gehandelt haben. Das ist
meiner Meinung nach falsch und steht im Gegensatz zu unseren Ermittlungen ... (Der einstellende deutsche
Staatsanwalt - Red.) müsste erklären, wie es möglich ist, dass mehr als 400 Menschen, darunter viele Frauen und
Kinder, in zwei Stunden umgebracht werden von Personen, die das spontan beschlossen haben, und wie es sein
kann, dass eine komplette Abteilung sich in der Nacht zuvor in Bewegung setzt, um diese Aktion durchzuführen..." (Interview in: Kontext-Wochenzeitung, 29./30.2012, S. 3).
Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelte seit 2002 gegen ehemalige Angehörige der damals beteiligten SS-
Einheiten. Im Oktober 2012 wurde das Verfahren eingestellt, da den Beschuldigten nach Auffassung der
Staatsanwaltschaft keine individuellen Straftaten nachgewiesen werden konnten – damit sollte nach Ansicht der Stuttgarter Ermittler eines der schwersten Kriegsverbrechen als der deutschen Besatzungszeit von der deutschen Justiz ungesühnt bleiben.
Der Opferverband Sant‘Anna hat gegen die Einstellung des Verfahrens durch die Stuttgarter Staatsanwaltschaft
vom Oktober 2012 Beschwerde bei der Stuttgarter Generalanwaltschaft eingelegt und stützte sich dabei auf ein Gutachten von Carlo Gentile, dem an der Universität Köln tätigen, in Fragen deutscher Kriegsverbrechen in Italien ausgewiesenen Historiker. Gentile legt, so ein Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 15. April 2013, in dem Gutachten im Einzelnen dar, dass die Ermittler wichtige Dokumente überhaupt nicht berücksichtigt, historische und geographische Daten übergangen und die Mordtaten von Sant‘Anna als isoliertes Ereignis und nicht im Zusammenhang der „Blutspur“ betrachtet habe, die die SS-Einheit „Reichführer SS“ durch Italien gezogen habe.
Dessenungeachtet wurde die Einstellung des Verfahrens im Mai 2013 durch die Generalstaatsanwaltschaft bestätigt.
Im daraufhin durch den Opferverband Sant‘Anna eingeleiteten Klageerzwingungsverfahren vor dem
Oberlandesgericht Karlsruhe wurde für den an den Taten beteiligten Kompanieführer des II. Bataillons des 35.
Panzergrenadier-Regiments der 16. SS-Panzerdivision “Reichsführer SS” Gerhard Sommer (93) am 5. August 2014 der Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Stuttgart aufgehoben und der Fall zur Wiederaufnahme der
Ermittlungen an die nun zuständige Staatsanwaltschaft Hamburg verwiesen (AZ: 3 Ws 285/13). Anders als die
Staatsanwaltschaft Stuttgart sieht das OLG Karlsruhe „hinreichenden Tatverdacht“ gegen den Beschuldigten.
70 Jahre nach dem Massaker von Sant‘Anna di Stazzema ist somit Im August 2014 die Frage, ob wegen dieses
Kriegsverbrechens vor einem deutschen Gericht Anklage erhoben wird, noch immer nicht entschieden.

►hier der link zu der skandlösen Begründung der Staatsanwaltschaft Stuttgart, das Verfahren gegen die Mörder einzustellen

 

Was uns bleibt:

Unseres zur Versöhnung beigetragen zu haben.

 

Ora e sempre resistenza

 

Was uns bleibt:

Wieder einmal erlebt zu haben: "Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen." (William Faulkner)

&

Kraft getankt zu haben für

Heute und immer:

Widerstand



Und wir wissen: Erinnern heißt HANDELN  

 

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